Chronische Schmerzen: Heilung ist ein Prozess

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  • Beitrags-Kategorie:Gesundheit
  • Beitrag zuletzt geändert am:29. Mai 2024
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Jasmin Kriechel

Seit meiner Bodylift-Operation im Jahr 2015 habe ich chronische Schmerzen. Unerklärliche Beschwerden bestimmten lange Zeit mein Leben, kein Arzt, keine Ärztin konnte mir helfen. Schnell wurden sämtliche Symptome auf meine Psyche geschoben. Denn was man nicht erklären oder sehen kann, kann ja nur psychosomatisch bedingt sein. Aber ist das wirklich so einfach?

In diesem Artikel nehme ich Sie mit auf meinen Weg, auf dem ich gelernt habe, dass eine ganzheitliche Betrachtungsweise beim Umgang mit chronischen Schmerzen helfen kann.

Gesundheit ist ein dynamisches Geschehen.

Unser physisches und unser psychisches Befinden beeinflussen sich gegenseitig. Es gibt keine Einbahnstraße des körperlichen Wohlbefindens. Ist Ihnen schon mal etwas an die Nieren gegangen oder etwas auf den Magen geschlagen? Was hält den Menschen gesund? Was macht den Menschen krank? Wenn chronische Krankheiten einmal da sind, stellt sich eine Frage: Wie können wir es schaffen, chronische Schmerzen zu behandeln?

Von chronischen Schmerzen spricht man, wenn diese länger als drei Monate andauern. Damit wir lernen können, mit Schmerzen umzugehen oder sie positiv zu beeinflussen, brauchen wir das Gefühl der Verstehbarkeit. Sobald wir verstanden haben, woher unsere Beschwerden kommen, können wir besser damit umgehen.

Im nächsten Schritt benötigen wir adäquate Behandlungsmöglichkeiten. Von großer Bedeutung ist bei jeder Behandlungsmethode oder deren Kombinationen die Selbstverantwortung des Betroffenen.

Mögliche Ursachen

Ursachen für chronische Schmerzen können sein:

  • operative Eingriffe
  • chronische Entzündungsprozesse
  • Erkrankungen des Bindegewebes
  • Fehlernährung
  • Bewegungsmangel
  • psychische Belastungen
  • Umweltfaktoren

Chronische Schmerzen sind multifaktoriell. Oftmals ist es nicht nur die eine Ursache oder der eine Faktor,  der zu chronischen Schmerzen führt. Vielmehr ist es ein komplexes Geschehen, bei dem oft nur eine ganzheitliche Betrachtungsweise helfen kann. Einige Personen, die unter chronischen Beschwerden leiden sind in der Lage, einen genauen Zeitpunkt des Beginns der Schmerzen zu benennen. Wann die Symptome das erste Mal auftraten und wie sie sich anfühlten, wissen sie sofort – egal ob nach einer Belastungssituation, einer Operation oder einer akuten Erkrankung. Bei anderen Personen ist dieser Zeitpunkt unklar und teils sehr verschwommen.

Operative Eingriffe und chronische Schmerzen

In meinem Fall war es meine Bodylift-Operation, also die Entfernung von meiner überschüssigen, schlaffen Haut nach meiner Abnahme von 80 Kilogramm. Dieser Eingriff war der Beginn meiner zum Teil unerklärlichen Beschwerden; darunter Übelkeit, Blähbauch, Luftnot, reißende, ziehende und stechende Schmerzen im gesamten Bereich von Rücken, Rippen und Bauch, Verdauungsstörungen, Schlafparalysen, Todesangst und das Gefühl des „inneren Zerreißens“, um hier einige Beschwerden zu nennen.

Wie kann so etwas sein? Warum können neben großen Operationen bereits minimalchirurgische Eingriffe zu solchen zunächst unerklärlichen Symptomen führen?

Zum einen verändern Operationen anatomische Verhältnisse. Nach einem Eingriff haben wir immer einen anderen Zustand, und sei es nur auf kleinster Ebene. Zum anderen können bei jedem operativen Eingriff Nerven verletzt werden. Oder Narben entstehen, die zu Funktionseinschränkungen führen. Resultierende Fehl- und Schonhaltungen nach operativen Eingriffen sind keine Seltenheit. Ebenso kann das autonome Nervensystem nach einer Operation gestört sein, aber dazu später mehr…

Verklebte Faszien können zu chronischen Beschwerden führen

Wenn wir längere Zeit unter Fehlhaltungen und mangelnder Bewegung leiden, können Muskeln verkürzen und Faszien verkleben. Das Fasziennetz passt sich den umgebenden Muskeln an. Bei wenig Bewegung kann es zu Verklebungen kommen. Da wir im heutigen Alltag sehr viel Sitzen verändern sich vor allem Muskelpartien im vorderen Körperbereich. Wenn wir uns dann wieder aufrichten, müssen die anderen Muskelgruppen dagegen anspannen. So wird unser Körper anderen Spannungsverhältnissen ausgesetzt.

Im faszialen Gewebe befinden sich neben Nervenzellen auch Schmerzrezeptoren. Unser Gehirn wertet die Signale aus und sendet Schmerzsignale an die betreffende Stelle. Viele Operationen könnten vermieden werden, wenn fasziale Verklebungen erkannt und behandelt würden. Bildgebende Verfahren geben zwar Aufschluss auf degenerative Veränderungen, aber Schmerz ist nicht direkt in einem MRT-Bild messbar. Das ist ein bisschen wie fernsehen ohne Ton. Es gibt sichtbare Bandscheibenvorfälle, die keine Beschwerden verursachen, während sich hinter einem unauffälligen MRT-Bild ein Mensch mit stärksten Schmerzen verbergen kann, weil sich zu hohe Spannungen im Körper aufgebaut haben. Das sensible Bindegewebe meldet sich bei Verfilzung mit Schmerzsignalen, die unerträglich werden können.

„Wir müssen auf unsere Seele hören, wenn wir gesund werden wollen.
Letztendlich sind wir hier, weil es kein Entrinnen vor uns selbst gibt.“
Hildegard von Bingen

Der Vagusnerv und chronische Schmerzen

Das Nervensystem des Menschen hat die primäre Aufgabe, das Überleben für unseren physischen Körper zu sichern. Es besteht u.a. aus Gehirn, Hirnstamm, Hirnnerven, Spinalnerven und noch weiteren Anteilen. Es gibt verschiedene Hirnnerven, die zum Beispiel für das Riechen oder die Gesichtsmuskulatur verantwortlich sind. Störungen der einzelnen Nerven können bestimmte Krankheitsbilder hervorrufen.

Der Vagusnerv ist der 10. Hirnnerv. Er ist Teil des parasympathischen Systems und besteht nach neusten Erkenntnissen aus zwei Ästen. Der vordere innerviert ein Drittel der Speiseröhre, Herz und Bronchien und der hintere die restlichen zwei Drittel der Speiseröhre, sowie Magen und Darm. Wenn der Vagusnerv durch eine Operation beeinträchtigt wurde, kann das alle betreffenden Funktionen, in diesem Fall zum Beispiel die Atmung oder Verdauung, negativ beeinflussen.

Jede noch so kleine Operation kann eine Funktionsstörung des autonome  Nervensystems zur Folge haben und Grund für verschiedenste chronische Krankheitsbilder sein. Dazu gehören chronische Verspannungszustände, Lungenerkrankungen, Herzprobleme, psychische und Verhaltensstörungen oder Probleme des Immunsystems.

Es gibt bestimmte Körperübungen, um das autonome Nervensystem zurück in die Balance zu bringen. Übrigens kann man den Vagusnerv auch durch Gurgeln oder Singen aktivieren.

Teufelskreis der Schmerzen

Jeder, der länger unter Schmerzen oder einer chronischen Krankheit leidet, weiß, wie zermürbend das alltägliche Leben sein kann. Vieles dreht sich nur noch um das eine Thema: Schmerzen. Wann treten diese auf, wodurch werden sie schlimmer, wann ist mein nächster Arzttermin? Und auf die gutgemeinte Frage „Wie geht’s?“ weiß man schon gar nicht mehr, wie oder was man antworten soll. Zukunftsängste können uns plagen, wenn wir nicht wissen, wie es beruflich oder privat weitergehen soll. Soziale Beziehungen leiden unter einem dauerkranken Mitmenschen.

In meinem Fall konnte ich mir selbst viele meiner Symptome lange Zeit nicht erklären. Wie sollte da mein Umfeld verstehen, was mit mir los war? Das Verständnis für meine Situation verschwand mit den Monaten, denn immer öfter musste ich Verabredungen absagen. Kontakte reduzierten sich mehr und mehr und es gab unterschiedlichste Ratschläge (u.a. ich solle mich nicht so anstellen oder mich doch mehr ablenken bis hin zu Aussagen wie: „Das kann doch nicht sein, wenn die Ärzte nichts finden, hast du auch nichts!“).

Wenn wir unsere Gedanken nur noch auf unser Defizit, z.B. unsere körperliche Einschränkung, richten, kann das in ein tiefes Loch führen. Uns wird immer wieder vor Augen geführt, was vielleicht nicht mehr möglich ist. Umso wichtiger ist es, unsere Ressourcen und persönlichen Stärken im Auge zu behalten: Was
ist auch jetzt noch möglich oder wie kann ich mein Leben, meine Freizeit, meinen Beruf an meine neue Situation anpassen?

Wie die eigenen Gedanken Einfluss nehmen können

Hilfreich kann es sein, ein Dankbarkeitstagebuch zu führen und für jede Kleinigkeit das Gefühl der Dankbarkeit ganz bewusst wahrzunehmen. Denn egal wie ausweglos unsere Lage momentan ist, es gibt immer etwas, wofür es sich lohnt, dankbar zu sein und weiter zu machen.

Als ich nach meiner Bodylift-Operation unter plötzlich auftretenden, beinahe unerträglichen Schmerzattacken im Bereich meines Bauches, meiner Rippen und meines Rückens litt, entwickelte ich zusätzlich Angst vor diesen Schmerzen. Wann würden sie wohl wieder auftreten? Was habe ich vielleicht falsch gemacht? Zu viel Bewegung, zu viel Stress, die falsche Ernährung?

Mein Problem war, dass der Fokus mit all meiner Aufmerksamkeit auf meinem Schmerz und der Angst vor demselben lag. Was Angst mit unserem Körper macht? Angst macht eng, sowohl gedanklich als auch körperlich. Unsere Atmung verflacht, die Hormone spielen verrückt und unser Körper spannt sich vermehrt an. So kann das Gefühl der Angst die Schmerzwahrnehmung verstärken, wodurch ein Teufelskreis aus Angst, Hilflosigkeit und Schmerz entstehen kann.

Behandlungsmöglichkeiten

Ganzheitliche Behandlungsmethoden und Behandelnde, die mit Empathie und Zeit den Menschen begegnen, sind essenziell. Je nach Schmerzursache kann neben Physio- und Osteopathie, Orthobionomie, EMMET-Therapie und Psychotherapie auch eine Ernährungsberatung sinnvoll sein. Alle Verfahren, die Verspannungen abbauen, verklebte Faszien lösen, Fehlhaltungen korrigieren, Stress reduzieren und den Körper wieder in eine Balance verhelfen, sind von Vorteil.

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Einer der wichtigsten Bestandteile in der Therapie ist es, zu lernen, sich selbst zu helfen: Hilfe zur Selbsthilfe. Sei es durch den Einsatz von Wärme- oder Kältetherapie, regelmäßiges Mentaltraining, Bewegungsübungen oder eine bestimmte Ernährungsweise: „Der Mensch ist, was er isst“. Unsere Ernährung hat direkte Auswirkungen auf unseren Zellstoffwechsel. Ein „zu viel“ an bestimmten Nahrungsmitteln kann unser Immunsystem negativ beeinflussen. Ein „zu wenig“ an bestimmten Spurenelementen und Vitaminen kann ebenso unser ganzes System schwächen und chronische Krankheiten fördern. Jeder Mensch reagiert unterschiedlich auf ein und dasselbe Lebensmittel, je nachdem, welche Genetik, Erkrankungen oder Umweltfaktoren vorliegen.

Dr. Alfred Pischinger, ein österreichischer Arzt, erkannte im Organismus eine Grundregulation, die sich im Zwischenraum zwischen Zellen, Blutgefäßen, Lymphbahnen und Nervenenden entfaltet. Er fand heraus, dass das Bindegewebe bei der Entstehung von chronischen Erkrankungen eine zentrale Rolle spielt. Dort finden Abwehr- und Entzündungsprozesse statt. Die sogenannten „silent inflammation“, also stille Entzündungen, bleiben über Jahre unbemerkt; so können sich chronische Krankheiten, wie z.B. Diabetes oder kardiovaskuläre Erkrankungen entwickeln.

Aber auch eine veränderte Darmschleimhaut, die durchlässiger für krankmachende Bakterien wird, kann unser Immunsystem auf Dauerbereitschaft setzen. Es lohnt sich also, eine ganzheitliche Ernährungsberatung bei chronischen Schmerzen in Betracht zu ziehen.

Wie es mit meiner Geschichte weiter ging

Auch heute leide ich noch unter chronischen Schmerzen. Beschwerden im Rücken, die längeres Sitzen oft problematisch gestalten. Weite Distanzen verursachen stechende Beschwerden in meinem Fuß. Meine Füße schmerzen regelmäßig; vermutlich verformten sie sich durch den straffen Zug meiner Bodylift-Operation. Immer mal wieder spüre ich meine Narbenstränge, mal stärker, mal schwächer. Aber daran arbeiten wir in wöchentlichen physiotherapeutischen und osteopathischen Behandlungen.

Viele Bereiche an meinem Körper sind nach wie vor taub oder fühlen sich bei Berührung unangenehm an. Ob das alles für immer so bleibt? Ich weiß es nicht!
Was ich aber weiß ist, dass ich mit den Jahren gelernt habe, mein Schicksal weitgehend anzunehmen. Das bedeutet, dass ich akzeptiert habe, dass es Dinge gibt, die ich nicht mehr wie vor meiner Bodylift-Operation machen kann; oder nur noch für kurze Zeit, wie z.B. zum Beispiel Autofahren. Dafür habe ich einen viel tieferen und dankbareren Blickwinkel auf mein Leben gewonnen. Ich habe Mut und Hoffnung daraus geschöpft, anderen Menschen durch meine Geschichte und meine Erfahrungen helfen zu dürfen.

Durch das Kennenlernen vieler Therapiemöglichkeiten und der bewussten Arbeit mit meinem Körper und Geist habe ich mir ein Mosaik erschaffen, mit all den Dingen, die mir helfen, mein Leben schmerzfreier zu gestalten. Ein entscheidender Schritt neben der Annahme, dessen was ist, war für mich das Aneignen von Wissen. Je mehr ich verstand, wie physische und psychische Vorgänge in mir funktionieren, desto leichter fiel es mir auch, meine Ängste abzulegen … wie z.B. die Angst davor, akut krank zu sein oder nie wieder ohne stärkste Schmerzen leben zu können. Dieses Wissen hilft, aus der schwachen Opferrolle raus, zurück in die Eigenverantwortung zu gelangen.

Mehrwert / Tipp

Heilung ist ein Prozess. Ein Weg, die eigene Gesundheit wieder herzustellen. Ein Weg, der nicht immer geradeaus führt. Manchmal fällt man vielleicht in ein Loch, darf wieder herausklettern und ein paar Schritte zurückgehen. Zurückgehen, um Anlauf zu nehmen, neue Erfahrungen zu machen oder sich neues Wissen anzueignen, um dann wieder weiterzugehen.

Wir können nicht erwarten, dass Probleme oder Schmerzen vom einen auf den anderen Tag verschwinden. Eine Genesung betrifft alle Ebenen von Körper, Geist und Seele. Chronische Schmerzen sind Signale, die sich oft über viele Jahre entwickelt haben; und es kann genauso lange dauern, bis diese wieder verschwinden. Wenn Sie unter chronischen Schmerzen leiden, suchen Sie sich Menschen, die Sie empathisch begleiten. Bilden Sie ein Netzwerk aus Freunden, Familie, Bekannten, Therapeuten, Coaches usw., das Ihnen guttut. Scheuen Sie sich nicht, nach Hilfe zu fragen, oder neue, vielleicht auch verrückte Therapien und Wege auszutesten.

Es ist niemals zu spät, neu anzufangen! Nur weil etwas bislang nicht funktioniert hat, heißt das nicht, dass es für immer so bleiben muss.

Fazit

Schmerzen sind ein natürliches Warnsignal unseres Körpers. Ein wertvoller Hilferuf, dass etwas mit uns nicht stimmt. Wenn Schmerzen z.B. wegen einer Operation chronisch werden, ist das für Betroffene oft eine zermürbende Zeit. Es bedarf viel Geduld und der Bereitschaft, das komplexe Zusammenspiel für die Entstehung der Schmerzen zu verstehen. Mit der Hilfe von ganzheitlichen Therapien und der Anleitung zur Selbsthilfe können auch jahrelange Beschwerden verbessert oder geheilt werden.

Wichtig: Heilung ist ein Prozess.
Dieser Heilungsprozess ist kein Sprint, er ist vielmehr ein Marathon … aber irgendwann wird das Ziel sichtbar.

healthstyle

Bücher der Autorin:

Glückswagnis zur Selbstliebe

Über die Autorin:

Portrait Jasmin Kriechel

Jasmin Kriechel, geboren 1988, ist freie Dozentin, Fachberaterin für Ernährungsmedizin und klinischer Hypnosecoach. Ihr schulmedizinisches Grundverständnis erlangte sie durch ihre Ausbildung zur examinierten Gesundheits- und Krankenpflegerin.

Kontakt: https://www.die-online-mentorin.de/

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