Ausmisten

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  • Beitrags-Kategorie:Freizeit
  • Beitrag zuletzt geändert am:3. November 2022
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Ordnung in der Seele

Dr. Utz Anhalt

Die Wohnung ist der Spiegel der Seele. Wenn wir in Häusern eine Atmosphäre spüren, hat das nichts Übernatürliches an sich: Auch, wenn ein Mensch auszieht, bleibt sein „unsichtbarer Abdruck“ da. Das gilt ebenso für Ihre eigenen Besucher, für die Dinge, die Gäste hinterlassen und für die Gegenstände, die Sie selbst stapeln. Ausmisten entrümpelt nicht nur die Wohnung, sondern auch die Psyche.

Räume als Symbole

Die Räume der Wohnung stellen Aspekte unseres Lebens dar. Der Keller verkörpert dabei das Vergangene und das Unbewusste. Ballast im Keller kann für ungelöste Aufgaben früherer Lebensphasen stehen und den Antrieb in der Gegenwart lähmen. Nicht alle Dinge aus damaliger Zeit erscheinen indessen sinnlos. Der Eingangsbereich repräsentiert unsere Einladung an Gäste. Versperren Sie diesen mit Altpapier oder großen Schränken, ist das für Besuch erst einmal eine Hürde. Das Wohnzimmer versinnbildlicht Ihren Selbstausdruck. Sieht es sehr verdreckt aus, dann deutet das darauf hin, dass Sie Ihr Innenleben nicht „sauber halten“. Wirkt es hingegen steril, schrecken Sie damit andere ab und offenbaren einen gestörten Zugang zu Ihrem Körper. Die Küche symbolisiert Ihren Bauch und Ihre Verdauung.

Ausmisten fällt schwer

Wer Probleme hat auszumisten, der beginnt am besten damit, sich diese einzugestehen und ihre Ursache zu erforschen. Gaben Sie viel Geld aus für etwas, das sie weder mögen noch benutzen? Verbinden Sie Gegenstände mit Erinnerungen? Gefällt vielleicht jemand anderes das Ding, das Ihnen nur Platz wegnimmt?

Erkennen Sie eigene Glaubenssätze als sinnlos? Dann verstoßen Sie gezielt dagegen. Liegt ein funktionsfähiger Trockenrasierer im Bad, während Sie sich nur noch nass rasieren und sagt Ihre „innere Großmutter“: „Der taugt doch noch etwas“, werfen Sie ihn weg. Notieren Sie Ihr Gefühl dabei und versuchen Sie es auch bei anderen Gegenständen, bei denen Sie ein ähnlich „schlechtes Gewissen“ verspüren.

Ältere Dinge „auszutauschen“, lässt sich trainieren. Kaufen Sie etwas, was sie wirklich haben wollen, zum Beispiel neue Sportschuhe, und schmeißen Sie dafür etwas Altes weg: Die Jeans in Übergröße oder die Plastiklampe, die unter dem Schreibtisch den Raum stiehlt. Auswechseln kann sogar eine Regel werden, um nicht zu horten. So frischen sich die Bestände auf, ohne zu überfrachten.

Erinnerungen

Vieles Alte schmeißen wir nicht weg, weil wir es mit Erinnerungen verbinden. Oft sind diese Dinge positiv, aber wir lösen uns auch von Gegenständen nicht, die uns belasten:

Stellen Sie als erstes eine Liste mit Sachen auf, die Sie an alte Zeiten zurückdenken lassen. Schreiben Sie dann dazu, was Sie mit ihnen assoziieren. Oft bringt bereits das Aufschreiben Klarheit über deren symbolische Bedeutung. Speichern wir diese aber im Gedächtnis ab, verlieren viele dieser Dinge ihren Sinn. Sind sie eine sinnvolle Stütze oder ein Klotz am Bein?

Falls Gegenstände Sie an eine Lebensphase verweisen, die Sie eigentlich vergessen wollten, selektieren sie. Geht es „nur“ darum, diese Zeit nicht aus den Augen zu verlieren, könnten Sie die wichtigsten Gegenstände heraussuchen: An die alte WG erinnert der Schuhkarton mit Fotos, die gesammelten Flugblätter brauchen Sie nicht; um an Ihren belesenen Großvater zu denken, reichen die zwei Romane aus, die Sie noch einmal lesen werden. Oder das Bücherregal mit Titeln, die Sie in- und auswendig kennen? Alles Ballast!

Verschenken

Falls Ihnen Dinge als zu wertvoll erscheinen, um sie in den Müll zu werfen, aber bei Ihnen keinen Platz mehr haben, gibt es noch eine dritte Möglichkeit: sie an Menschen zu verschenken, die damit etwas anfangen können.

In vielen Städten stehen heute öffentliche Bücherschränke, in die Sie ausgelesene Bücher stellen können, an denen andere Freude haben. Oder Sie geben Ihre alten Bücher (in gutem Zustand) in ein Antiquariat. Kleidung, Möbel oder technische Geräte geben Sie einfach bei Oxfam, Fairkauf und anderen Sozialkaufhäusern ab.

Symbole statt Speicher

Wenn Sie aussortieren, konzentrieren Sie sich auf die wirkliche Bedeutung, die Erinnerungs-Zeichen für Sie haben: Aus alten Zeitungen können Sie den Artikel herausschneiden, um den es geht. Nomadische Indianer hatten einen persönlichen Medizinbeutel, den sie an den Gürtel hängten. Bei Sammlungen mit einem symbolischen Wert reicht ein Zeichen/ein Bild aus, um das Andenken wachzuhalten.

Andere enttäuschen

Stauen sich bei Ihnen Geschenke, die für Sie keinen Wert besitzen? Haben Sie Angst, andere Menschen zu enttäuschen, wenn Sie den nie getragenen Pullover Ihrer Großmutter entsorgen? Wie fühlt es sich an, die Wahrheit zu sagen? „Ich mochte es nicht.“

Angst vor dem Risiko?

Befürchten Sie, etwas wegzuschmeißen und es danach zu bereuen? Woher kommt diese Angst? Daher, dass der Gegenstand doch einen Wert hat, den Sie übersehen? Brauche ich ihn vielleicht doch noch mal? Notieren Sie alle Wegwerf-Kandidaten und stellen Sie so rational wie möglich ihre Vorteile und Nachteile gegenüber. Sie können zum Beispiel einige Kartons aussortieren, in den Keller stellen, aber mit dem Wegwerfen noch etwas warten.

Entscheidungen bedeuten immer Risiko. Stellen Sie sich den schlimmsten Fall vor, wenn Sie ohne diese Dinge dastehen.

Tipps zum richtigen Ausmisten

Hilfestellungen erleichtern die Arbeit
Räumen Sie als erstes den Boden leer. Dann erkennen Sie besser, was Sie überhaupt an Gegenständen besitzen.
Geben Sie zweitens Gegenstände weg, die Sie nicht benutzen.
Sorgen Sie drittens dafür, dass jedes Ding seinen Platz hat.
Überlegen Sie viertens, wo Sie Gegenstände lagern können, ohne dass sie Platz wegnehmen, aber auch nicht „unsichtbar“ werden.
Räumen Sie fünftens um.
Fragen Sie sechstens Freunde und Verwandte um Rat.
Richten Sie sich eine feste Zeit am Tag für das Aufräumen ein.

Was kann weg?

1. Funktioniert dieses Ding? Kann, will oder werde ich es reparieren?
2. Ist dieser Gegenstand noch zeitgemäß?
3. Bringe ich (!) so etwas in Ordnung? Für einen Fahrrad-Schrauber mag ein Keller mit fünf alten Rahmen einen Sinn ergeben – für mich, wenn ich selbst maximal ein Loch flicke, nicht.
4. Brauche ich das noch? Wenn ich etwas in Zukunft benötige, wäre es nicht besser, es dann zu erwerben?
5. Mag ich dieses Teil? In die Wohnung als unseren Intimbereich gehören keine Gegenstände, mit denen wir uns nicht wohlfühlen.
6. Die Kernfrage lautet: Würde ich diesen Gegenstand vermissen?

Warum hängen wir an Überflüssigem?

Wenn wir klären, was weg kann, lösen wir auch innere Konflikte
1. Fehlkäufe. Wir kaufen Sachen, die wir weder mögen noch benutzen. Diese Dinge wegzugeben, bedeutet, einen Fehler einzugestehen. Das fällt schwer, führt aber zu innerer Reife.
2. Wir investierten vor Jahren in etwas und empfinden es heute als Verlust, uns davon zu trennen. In Wirklichkeit verloren wir das Geld bereits, als wir uns dieses Teil kauften, ohne es zu benutzen.
3. Mit diesem Gegenstand fühlen Sie sich besser? Wirklich? Ballast sind Statussymbole, mit denen wir uns selbst aufwerten. Wenn wir so etwas nötig haben, dann deutet das auf ein psychisches Problem. Das sollten wir angehen.

Ausmisten: Eine Checkliste

Bei vielen Dingen können Sie sicher sein, sie auch in Zukunft nicht zu brauchen:
1. Kaputte, zu kleine oder zu große, nicht zu Ihnen passende oder nur für einen speziellen Zweck angeschaffte Kleidung, wie beispielsweise die Fußballschuhe aus Ihrer längst vergangenen Zeit im Verein.
2. Küchengeräte, die Sie nie gebrauchen, können weg. Als Faustregel dient: Was Sie seit mehr als einem Jahr nicht mehr nutzen, werden Sie auch im nächsten Jahr nicht verwenden. Unpassendes Geschirr können Sie aussortieren.
3. An Schuhen sollten Sie im Alltag circa 3 bis 4 Paare für verschiedene Gelegenheiten parat stehen haben. Die anderen lagern Sie am besten in einem besonderen Schuhkasten. Sind die Schuhe ausgelatscht? Weg damit.
4. Räumen Sie regelmäßig Ihre Papierberge weg. Ordner können Sie in einem Abstellraum sammeln und am Jahresende entscheiden, ob Sie die Dokumente noch brauchen. Für schwebende Projekte legen Sie ebenfalls einen extra Ordner an.
5. Eine To-Do-Liste bewahren Sie an einem gesonderten Platz. Streichen Sie jeden erledigten Punkt durch.
6. Nehmen Sie keine Werbung an und/oder werfen Sie entsprechende Prospekte direkt in den Müll.

Mentale Vorbereitung

Stellen Sie sich vor, Sie ziehen in die USA und dürfen nur 20 Kilo Gepäck mitnehmen. Was wäre das? Welche Dinge wollen, welche müssen Sie ständig um sich haben? Von dieser Grundliste können Sie ausgehen, darum einen zweiten Kreis ziehen mit Gegenständen, die Ihnen nicht ganz so wichtig erscheinen, dann einen dritten mit unwichtigeren etc. Schnell kommen Sie dann in die „outer areas“. Was da drin ist, kann weg.

Ausmisten-Plan

Haben Sie sich entschieden, auszumisten? Dann entwickeln Sie einen Plan.
1. Fangen Sie mit einer Ecke, einem Zimmer oder sogar nur einem Tisch an.
2. Sortieren Sie beim Aufräumen in Dinge, die weg sollen, und solche, die Sie behalten wollen.
3. Bereiten Sie sich vor, indem Sie passende Mülltüten bereitlegen.
4. Haben Sie eine Ecke „geschafft“, lehnen Sie sich erst einmal zurück und reflektieren Sie, wie der „leere Raum“ auf Sie wirkt.
5. Schaffen Sie sich solche leeren Räume. Lassen Sie zum Beispiel ein Fach Ihres Schreibtisches immer leer.
6. Körbe, Schachteln und Kisten strukturieren das Zimmer und Sie wissen zumindest grob, was sich darin befindet.
7. Entsorgen Sie Möbel, die Sie wenig nutzen, statt sich immer geräumigere Schränke für Ihre Sammlungen anzuschaffen.

Was Sie vermeiden sollten

  1. Horten Sie überflüssige Gegenstände nicht in Schubladen. Damit verlagern Sie nur das Problem.
  2. Sinnieren Sie nicht lange über jeden Gegenstand nach. Es fällt Ihnen dann immer schwerer, sich zu trennen.
  3. Streichen Sie die Wörter „irgendwie, irgendwo, irgendwann …“ und „vielleicht…“. Gehen Sie stattdessen nach einem festen Zeitplan vor: Freitag der Garten, Samstag das Arbeitszimmer…
  4. Machen Sie vor dem Ausmisten Nägel mit Köpfen. Klären Sie einen Termin mit dem Sperrmüll, sagen Sie dem Antiquariat, wann Sie mit Ihrer Büchersammlung vorbeikommen.

Warum ist Entrümpeln wichtig?

  1. Entrümpeln bedeutet Überblick. Je übersichtlicher Ihre vier Wände sind, desto mehr Zeit haben Sie für die Beschäftigungen, die Ihnen wichtig erscheinen.
  2. Beim Entrümpeln finden Sie Wichtiges wieder.
  3. Mit Gegenständen schaffen wir uns immer auch ein symbolisches Koordinatensystem, um uns zu orientieren. Wenn wir dieses verändern, stellen wir die Weichen für neue Gedanken.
  4. Dinge binden uns. Jede Heldenreise in der Mythologie beginnt damit, dass sich der Hero mit (so gut wie) nichts auf den Weg macht. Die Erinnerungen bleiben sowieso im Kopf, ohne die Gegenstände, die sie fokussieren, lässt sich jedoch einfacher die Perspektive wechseln.

Unordnung gleich kreatives Chaos?

Schöpferische Menschen setzen mehr um: Wer sich Inspirationen aus zehn Büchern holt, bei dem liegt mehr herum als bei jemand, der zu Hause die Wand anstarrt. Deswegen sind aber gerade die Kreativen gut beraten, zu ordnen: Wenn Sie also einen Text oder eine Skulptur fertiggestellt haben, genießen Sie den Moment und entsorgen Sie alle Materialien, die Sie jetzt nicht mehr brauchen.

Lagern Sie Werkzeuge an einem speziellen Platz und bringen Sie diese dorthin zurück.

Vorbeugung

Sorgen Sie dafür, dass Sie den Überblick behalten. Sie können sich Regeln aufstellen, wie: Für jedes Buch, das ich neu kaufe, gebe ich ein altes weg. Räumen Sie täglich die Sachen von Ihrem Schreibtisch. Bringen Sie Sperrmüll zum Wertstoffhof, bevor er sich ansammelt.

Sagen Sie deutlich, welche Art von Geschenken Sie nicht brauchen. Genießen Sie das Entsorgen von „Kleinigkeiten“ als tägliches Ritual. Atmen Sie jeden Abend tief durch, wenn Sie wieder eine Last losgeworden sind.

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Über den Autor:

Dr. Utz Anhalt

Dr. Utz Anhalt:
1991 Geschichte und Politik Schwerpunkt historische Anthropologie von Mensch und Wildtier.
1999 Magister über den Werwolfmythos.
2007 Doktor der Philosophie über die Geschichte der Zoos.
Dozent, Publizist und Autor unter anderem für Museum aktuell, Expotime, Nautilus – Magazin für Abenteuer und Phantastik, Miroque, Karfunkel, Zillo Medieval, Der Fall, Sitz-Platz-Fuß, Sopos (www.sopos.org), Junge Welt, Freitag, TAZ, ND, Frankfurter Allgemeine. Redakteur bei Heilpraxisnet.de.

Kontakt: www.utzanhalt.de

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